Das Williams-Beuren-Syndrom

Das Williams-Beuren-Syndrom (WBS), auch bekannt unter den
Synonymen Williams-Syndrom, Fanconi-Schlesinger-Syndrom, idiopathische
Hyperkalzämie oder Elfin-face-Syndrom, ist eine genetisch bedingte
Behinderung, deren Ursache in einem Stückverlust (= Deletion) auf dem
Chromosom 7 liegt.

 

 

Geschichte

Das Syndrom wurde nach dem in Auckland tätigen britischen
Kardiologen J. C. P. Williams und dem Göttinger Kardiologen Alois J. Beuren
benannt. Das WBS wurde in der medizinischen Literatur 1961 von Williams et al.
und 1962 von Beuren et al. erstmals ausführlich beschrieben, wobei auch
Hinweise vorliegen, dass bereits John Langdon-Down, der das nach ihm benannte
Down-Syndrom (Trisomie 21) 1866 und das Prader-Willi-Syndrom erstmals unter
wissenschaftlichen Gesichtspunkten beschrieb, eine Beschreibung des WBS
vornahm:Ich habe Kinder mit charakteristischen Wangenknochen, vorstehenden Augen, geschwollenen Lippen und straffer Haut in meiner Fürsorge gehabt. Sie hatten wolliges Haar. (zitiert nach Marga Hogenboom, 2003, Seite 45).Die chronische idiopathische Hyperkalzämie, zu deren schwerer Verlaufsform das WBS gehört, wurde erstmals 1952 von Guido Fanconi, Bernard Schlesinger et al. beschrieben.

 

Ursache

Seit 1993 ist bekannt, dass die Ursache des WBS eine
Veränderung von mindestens 20 Genen auf dem langen Arm des Chromosoms der
Nummer 7 ist: Bei 97 von 100 Menschen mit dem Syndrom lässt sich eine Deletion
(= Stückverlust) im Bereich 7q11.23 nachweisen, was als Contiguous-gene-Syndrom
(= Verlust mehrerer benachbarter Gene auf einem Chromosomenabschnitt)
bezeichnet wird. Dies entsteht durch spontane Mutation und wirkt sich
dahingehend aus, dass es unter anderem Störungen des Elastin-Gens hervorruft,
das für die Bildung von Bindegewebe mitverantwortlich ist.

 

Die Auftretenshäufigkeit des WBS liegt bei etwa 1:20.000 bis 1:50.000

 

Diagnose

Die Diagnose des WBS erfolgt durch eine
molekularzytogenetische Untersuchung von einigen Millilitern mit Heparin
versetzten Vollbluts. Mittels des FisH-Tests mit Elastin-Sonde / Chromosom
7q11.23 spezifischer Sonde kann die betreffende Genbesonderheit auf dem
Chromosom 7 nachgewiesen werden.

Vorgeburtlich (=
pränatal) ist die Diagnosestellung theoretisch möglich, wenngleich der
entsprechende Test (Analyse von kindlichen Zellen, die meist aus dem
Fruchtwasser gewonnen werden) nicht routinemäßig angewandt wird, und auch bei
Anwendung des Tests nicht routinemäßig nach dieser Besonderheit gesucht wird.
Von daher wird ein WBS vorgeburtlich im Rahmen von Pränataldiagnostik nur
selten festgestellt.

Generell wird die Diagnose nachgeburtlich (= postnatal) oft
erst vergleichsweise spät gestellt, teilweise erst im Kindergarten- oder
Grundschulalter. Möglicherweise liegt dies daran, dass die Besonderheit und
ihre Symptomatik vergleichsweise unbekannt ist, da sie eher selten vorkommt.

Symptome

Mit der Zeit sind verschiedene Merkmale beschrieben worden, die häufig bei Menschen mit WBS auftreten. Nicht alle Menschen weisen alle  Merkmale auf beziehungsweise nicht alle Merkmale sind in gleich starker
Ausprägung festzustellen:





kognitive Behinderung unterschiedlichen Schweregrades



Wachstumsverzögerung (auch schon in der Schwangerschaft/intrauterin, daher meist niedriges
Geburtsgewicht)



im Säuglingsalter häufig Trinkprobleme und Verstopfung



häufig Infektionen der oberen Atemwege



häufig Mittelohrentzündungen (Otitis media)



Hörstörungen



Schlafstörungen



Essstörungen (verweigert werden häufig feste und/oder körnige Speisen)



Hyperkalzämie in den ersten Lebensjahren (= ein zu hoher Kalziumspiegel im Blut, der mit einer Diät
behoben werden kann)



ein vergleichsweise kleiner Kopf (Mikrozephalie) und ein etwa 20 % kleineres Gehirn als üblich



besondere Gesichtsform („Elfengesicht“/„Koboldgesicht“/„funny face“) breite Stirn tiefe Nasenwurzel, kugelige Nasenspitze ausladende Nasenflügel, nach vorn gerichtete Nasenlöcher (Nares)vorstehende Wangenknochen

im Kindesalter „Pausbäckchen“ kleines Kinn volle Lippen, langes Philtrum (= Kuhle zwischen Oberlippe und Nase)



bei blauen oder grauen Augen ist oft eine weißliche, radspeichenähnliche Musterung zu sehen (Iris stellata)



Oberlid-Ödeme  („schwere Augen“)



vergleichsweise kurze Lidspalten



oft lockiges Haar



vergleichsweise weit auseinander liegende, kleine erste Zähne („Mäusezähne“, verursacht durch
Zahnschmelzhypoplasie)



überempfindliche Zähne, Neigung zu Zahnfäule (Karies)



tiefe, heisere Stimme, häufig offenstehender Mund durch eine Vorverlagerung der Zunge

schmaler, länglicher Brustkorb mit hängenden Schultern und verlängertem Nacken



Kleinwuchs bzw leichter Minderwuchs  (etwa 10 cm geringere Körperendgröße als der Bevölkerungsdurchschnitt)



einwärts gebogene Großzehe (bei älteren Menschen)



Fehlsichtigkeit, häufig Schielen (Strabismus), insbesondere Einwärtsschielen



seitliche Verbiegung der Wirbelsäule Skoliose (bei älteren Menschen)

altersunabhängiger Bluthochdruck (arterieller Hypertonus) bei 40 % der Menschen



kardiovaskuläre Veränderungen/Herzfehler (oft supravalvuläre Aortenstenose (SVAS)/Verengung der
Hauptschlagader unmittelbar am Anschluss an das Herz mit variablem Schweregrad,
hypoplastische Aorta/zu schmale Hauptschlagader, Septumfehlbildungen/Löcher in
der Herzscheidewand) bei 90 % der Menschen



Pulmonalstenosen



primäre Nierenfehlbildungen (besondere Lage der Niere, Verengungen/Stenosen an den Nierengefäßen, unterentwickelte Niere, einseitiges Fehlen einer Niere, Hufeisennieren) bei etwa 18 % der Menschen

Sonstige Merkmale

Sehr viele Menschen mit WBS mögen Musik, merken sich Lieder und Melodien gerne und haben ein
ausgeprägtes Rhythmusgefühl. Dies liegt an einer starken Ausprägung der linken
Hörrinde, welche für zeitliche Präzision und Rhythmusgefühl zuständig ist. Sie
ist bei WBS-Menschen im Vergleich zu gleichaltrigen Gesunden deutlich größer
und wird beim Hören von Tönen stärker aktiviert. V.a. Kinder mit WBS sind sehr geräuschempfindlich, zum Teil sogar überempfindlich. Manche haben ein absolutes Gehör, können also Töne ohne externen Referenzton genau benennen und zuordnen.

Ihr räumliches Vorstellungsvermögen ist vergleichsweise schlecht (räumlich-visuelle Konstruktionsdefizite), sie haben Konzentrationsschwierigkeiten, erkennen allerdings Gesichter sehr schnell wieder.

Das Lesen fällt ihnen meist recht leicht, viele fangen schon deutlich früher als Regelkinder an zu lesen (Hyperlexie).

Ihre Sprache entwickelt sich gut, sie sprechen in der Regel flüssig, reden gern, extrovertiert und freudig und sind meist sehr sprachgewandt. Dadurch werden ihre kognitiven Fähigkeiten oft überschätzt, was zu einer Überforderung der Kinder führen kann (zum Beispiel im Schulunterricht).

Sie zeigen sich insgesamt gesehen eher ängstlich als optimistisch und machen sich insbesondere
auch auf die Zukunft bezogen Sorgen um sich und andere Menschen.

Ein auffälliges Merkmal ist die häufige Distanzlosigkeit gegenüber fremden Menschen: Während
Regelkinder übliche Phasen des Fremdelns durchleben, sind Kinder mit WBS oft
durchgehend offene, kontaktfreudige und gesellige Kinder.

Menschen mit WBS sind lebenslang auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen, können jedoch mit der
nötigen Assistenz ein individuelles Maß an Selbständigkeit entwickeln.

Die Lebenserwartung von Menschen mit WBS ist normal, sofern dem nicht medizinische Probleme und
organische Fehlbildungen entgegenstehen.

Aufgrund ihrer Eloquenz und Fähigkeit sich u.a. Gesichter gut zu merken, werden Personen mit
WBS oft auch als "Cocktailparty personalities" bezeichnet.

Therapie

Ein WBS ist nicht ursächlich heilbar. Die häufigsten
Therapiemethoden, durch die Kinder mit WBS in ihrer Entwicklung gut gefördert
werden können, sind heilpädagogische Frühförderung, Krankengymnastik und
Ergotherapie. Auch Logopädie (Behandlung nach Castillo Morales) wird zur Behandlung
der frühkindlichen Trink-/ Saugstörung empfohlen. Besonders die musikalische
Begabung und die Sprachgewandtheit sollten fördernd unterstützt werden.

Wichtig sind regelmäßige Blutdruckkontrollen (auch schon im
Kindesalter), eine gründliche Zahnpflege sowie die Kontrolle des Gehörs und
gegebenenfalls des Schielens.

Ein besonderes Augenmerk muss sowohl auf den Kalziumgehalt
des Blutes und eine eventuell nötige Diät gelegt werden. In diesem Zusammenhang
sollte sehr vorsichtig mit Vitamin D umgegangen werden, da Patienten mit
Williams-Beuren-Syndrom eine veränderte Regulation des Vitamin-D-Stoffwechsels
haben. Gegebenenfalls sind im Bereich des Herzens und der Nieren
Korrekturoperationen notwendig. Im höheren Alter ist die Behandlung einer
eventuell auftretenden Skoliose wichtig.